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Extremistische Einstellungen in Österreich

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Rechtsextremismus, Corona-Verschwörungserzählungen & religiöser Fundamentalismus in Österreich

Im Auftrag des Bundesministerium für Inneres hat SORA eine umfassende Studie zu extremistischen Einstellungen in Österreich durchgeführt, darunter Rechtsextremismus, religiöser Fundamentalismus sowie Corona-Verschwörungserzählungen. Das Studiendesign folgt einem Mixed-Methods-Ansatz: Durchgeführt wurde eine bevölkerungsrepräsentative Befragung in sechs Sprachen unter 1.977 Personen. Ergänzend wurden 19 qualitative Tiefeninterviews geführt, zehn zum Thema Corona und neun mit Personen, die in Zusammenhang mit rechtsextremen oder terroristischen Straftaten verurteilt wurden (in enger Zusammenarbeit mit dem Verein Neustart).

Fünf Risikofaktoren

Auf Basis theoretischer Vorüberlegungen und empirischer Bestätigung identifiziert die vorliegende Studie fünf Risikofaktoren, die für alle Untersuchungsgegenstände relevant sind: Die gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit (GMF), welche in Österreich am stärksten verbreitet ist – rund die Hälfte der Menschen in Österreich zeigt abwertende Einstellungen, beispielsweise gegenüber Langzeiterwerbslosen oder Muslim:innen. Darauf folgt eine unzufriedene bzw. skeptische Haltung gegenüber der Demokratie, die sich beispielsweise in mangelndem Vertrauen in das Parlament oder der Vermutung, geheime Organisationen im Hintergrund würden Einfluss auf politische Entscheidungen nehmen, äußert. Antisemitische Aussagen wie die Zustimmung zu „jüdische Menschen haben auf der Welt zu viel Einfluss“ werden von rund einem Viertel zumindest teilweise, also latent und manifest, geteilt. Die Gewaltbereitschaft ist schwächer ausgeprägt, rund einer von zehn Menschen in Österreich weist eine zumindest latent gewaltbereite Haltung auf. Zuletzt umfassen die Risikofaktoren berichtetes extremistisches Verhalten. Weniger als einer von zehn Menschen in Österreich gibt beispielsweise an, des Öfteren an extremistischen Kundgebungen teilzunehmen und uneingeschränkten, privaten Waffenbesitz zu befürworten.

Rechtsextreme Ränder schwach, aber Toleranz in bis in die Mitte der Bevölkerung

Rechtsextreme Einstellungsmuster stoßen auf eine breite gesellschaftliche Toleranz: Zwar sind nur zwei von 100 Menschen in Österreich eindeutig rechtsextrem eingestellt, jedoch kann rund ein Viertel diesbezüglichen Aussagen teilweise etwas abgewinnen. Vor allem Ältere ohne Matura sind eher rechtsextrem eingestellt. Befördert werden diese Einstellungen – neben den Risikofaktoren gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, Antisemitismus, Gewaltbereitschaft und berichtetes extremistisches Verhalten – durch Desintegration auf der individuellen Ebene. Diese äußert sich darin, sozial isoliert zu sein sowie in Mehrfachbelastungen durch finanzielle Sorgen oder einer belasteten psychischen Gesundheit. Die Abwertung anderer, niedriger verorteter Gruppen erfolgt nach dem Mechanismus eines Tritts nach unten, um die Sozialintegration nach oben zu sichern und jenen Belastungen zu begegnen. Die Toleranz gegenüber rechtsextremen Haltungen scheint Desintegrationstendenzen auf gesellschaftlicher Ebene entgegenzuwirken: Menschen, die eher rechtsextrem eingestellt sind, fühlen sich gut im Parlament repräsentiert und von der österreichischen Gesellschaft angenommen. Die Tiefeninterviews stützen diesen Befund: die Gesprächspartner berichten mehrheitlich von biografischen Brüchen und fehlenden Bindungen in Kindheit und Jugend. Die Zugehörigkeit zu einer radikalen Gruppierung wirkte dem Gefühl sozialer Isolation in einer kritischen Phase der jugendlichen Sinnsuche entgegen und förderte die Abgrenzung nach Außen, wobei die Ideologie zweitrangig zu sein schien.

Corona-Verschwörungsglaube: weitgehender Vertrauensverlust während Pandemie

Die Studie zeigt, dass die Glaubwürdigkeit öffentlicher Diskurse angesichts der Corona-Krise leidet: jeweils rund vier von zehn Menschen in Österreich sind davon überzeugt, dass der Öffentlichkeit in Bezug auf Corona bewusst Informationen vorenthalten wurden bzw. dass dem nicht so war. Gleichzeitig ist ein Drittel der Ansicht, dass die Pharma-Konzerne die Menschheit zwangsimpfen möchte, um damit Geld zu verdienen. Einen großen Plan hinter der Pandemie vermutet insgesamt rund ein Fünftel, genauso viele vertreten die Shoah-verharmlosende Haltung, Ungeimpfte würden „wie jüdische Menschen im Dritten Reich behandelt“.

Drei Einstellungsmuster: Ablehnung, Ambivalenz und Verschwörungsglaube

Auf Basis dieser Einstellungen konnten drei Einstellungsmuster identifiziert werden: Ablehnung, Ambivalenz und Verschwörungsgläubigkeit. Betrachtet man alle Aussagen gesammelt, lehnen sie etwa vier von zehn Menschen solche Aussagen gänzlich ab, während drei von zehn Menschen ambivalente oder verschwörungsgläubige Haltungen haben – ihnen also entweder teilweise oder sehr und ziemlich zustimmen. Die Gruppe der Verschwörungsgläubigen zeigt eine höhere Neigung, sich politisch rechts einzustufen, ist zwischen 45 und 59 Jahre alt und befindet sich häufiger in einer prekären finanziellen Lage. Die ambivalente Haltung wird vor allem durch Unzufriedenheit mit der Demokratie und dem Gefühl, von der Politik benachteiligt zu werden, gefördert. Persönliche Desintegrationserfahrungen, wie der Verlust von Freundschaften, verstärken diese ambivalente Haltung und können mit der Übernahme verschwörungsgläubiger Ansichten einhergehen.

Qualitative Interviews: Vertrauensverlust auch unter Impfbefürworter:innen

An diese Erkenntnisse angelehnt zeichnen sich in den Tiefeninterviews ebenfalls drei Einstellungsmuster ab: Unzufriedene, welche eine Teilgruppe der Ablehnenden darstellen, Ambivalente und Verschwörungsgläubige, die sich weitgehend mit den quantitativen Erkenntnissen decken. Unzufriedene sprechen sich für die Impfung aus und sind bereit, zum Wohl der Allgemeinheit gewisse Freiheitseinschränkungen zu akzeptieren. Sie haben im Verlauf der Pandemie aufgrund von Korruptionsvorwürfen und mangelnder Nachvollziehbarkeit der Maßnahmen ihr Vertrauen in die Politik verloren und tolerieren die Proteste gegen die Corona-Maßnahmen im Rahmen demokratischer Freiheiten. Die ambivalente Gruppe kann als leistungsorientiere Mitte zusammengefasst werden, die im Zuge der Pandemie zum ersten Mal mit anomischen Gefühlen der Unübersichtlichkeit konfrontiert zu sein scheint. Ambivalente Gesprächspartner:innen haben sich gegen oder nur widerwillig für eine Impfung entschieden und stehen ihr vor allem aufgrund des neuen mRNA-Impfstoffs sowie möglichen Nebenwirkungen skeptisch gegenüber. Sie empfinden die Maßnahmen gegenüber Ungeimpften als Diskriminierung und haben das Gefühl, persönlich für den Ausgang der Pandemie verantwortlich gemacht worden zu sein, was Verärgerung hervorruft. Ihr Freiheitsbegriff beruft sich zwar auf demokratische Grundregeln, führt aber auch dazu, dass Ambivalente jegliche Eingriffe in die Freiheit ablehnen und gesellschaftliche Abhängigkeiten, wie den Schutz von Risikogruppen, ausblenden. Sie erachten die Demonstrationen gegen die Corona-Maßnahmen als notwendig, um sich gegen die vermeintlich erfahrenen staatlichen Repressionen zu wehren. Wenngleich sie rechtsextreme Gruppierungen nicht gutheißen, tolerieren sie diese auf den Corona-Protesten. Verschwörungsgläubige scheinen bereits seit längerer Zeit in jenen Diskursen verhaftet zu sein und erfahren – wie auch die quantitative Analyse zeigt – dadurch Reintegration, sie sehen sich selbst als Mehrwissende. Sie lehnen die Impfung aus einer diffusen Vermischung mehrerer Verschwörungserzählungen ab und haben sich bereits seit längerer Zeit vom breiten medialen Diskurs abgewandt. Mit dieser Diffusität einher geht die Übernahme rechtsextremer und antisemitischer Narrative.

Corona-Demonstrationen stoßen auf Ablehnung

Insgesamt stoßen die Corona-Demonstrationen mehrheitlich auf Ablehnung in der österreichischen Bevölkerung, nur rund ein Fünftel der Menschen in Österreich kann sich unter Umständen vorstellen, an den Protesten teilzunehmen. Unter den Verschwörungsgläubigen herrscht eine weitaus höhere Akzeptanz von bzw. Teilnahmebereitschaft an den Protesten gegen die Corona-Maßnahmen. Gewalttätige Ausschreitungen auf den Protesten stoßen unter Verschwörungsgläubigen auf höhere Akzeptanz als im österreichischen Durchschnitt und werden von 10% eindeutig bzw.13% teilweise unterstützt (Österreich: 4% bzw. 7%).

Verschwörungen in Bezug auf den Ukraine-Krieg

Mit drei Viertel lehnt die Mehrheit der Menschen in Österreich eine stärkere außenpolitische Ausrichtung Österreichs in Richtung Russland ab, gleichzeitig ist rund ein Viertel der Ansicht, dass die NATO den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine provoziert habe. Die Zustimmung zu diesen Aussagen ist höher bei Anhänger:innen von Corona-Verschwörungserzählungen. In den qualitativen Interviews konnten pro-russische, pro-ukrainische und ambivalente Haltungen zum Krieg festgestellt werden, wobei zum Teil auch Verschwörungselemente auftreten. Einige Gesprächspartner:innen beschuldigen die USA, den Krieg bewusst herbeigeführt zu haben, während andere Russland als Aggressor sehen. Es wird auch über die Rolle der NATO und fehlende Transparenz in den Medien diskutiert. Einige Befragte fordern eine gewaltfreie Lösung und kritisieren die Berichterstattung als einseitig. Unabhängig von der Haltung gegenüber Russland wird eine hohe Unübersichtlichkeit deutlich sowie das Gefühl von Intransparenz, welche das Potenzial für die Übernahme von Verschwörungserzählungen fördern können.

7% manifest religiös-fundamentalistisch eingestellt

Dass die eigene Religion in religiösen Fragen Recht hat und andere Religionen Unrecht haben, man durch das religiöse Bekenntnis Teil einer großen Gemeinschaft ist und die religiösen Gesetze über jene der Republik gestellt werden, bejaht zumindest teilweise  rund ein Fünftel (22%) der Menschen mit Religionsbekenntnis: 7% bejahen die Mehrheit der Aussagen, 15% stimmen ihnen teilweise zu. Diese beiden Gruppen unterscheiden sich jedoch voneinander: So sind manifest religiös-fundamentalistisch eingestellte Personen eher jünger, haben seltener einen Maturaabschluss und befinden sich häufiger in einer prekären finanziellen Situation. Darüber hinaus sind sie eher in der Ostregion Österreichs zuhause, die Mehrheit hat einen Migrationshintergrund und ist muslimischen Glaubens. Sie sind zudem in den letzten drei Jahren religiöser geworden, als sie es zuvor waren. Die andere Gruppe der latent religiös-fundamentalistisch Eingestellten ist hingegen deutlich älter, befindet sich aber seltener in einer prekären finanziellen Situation. In Hinblick auf den Wohnort, den Bildungsabschluss, die Herkunft oder das Religionsbekenntnis gibt es hier kaum Unterschiede zur österreichischen Wohnbevölkerung.

Halt, wenn andere sich abgewendet haben: Wege in die Radikalisierung

In den qualitativen Interviews konnte vor allem die Bedeutung sozialer Beziehungen als zentraler Radikalisierungsfaktor identifiziert werden. Diskriminierungserfahrungen spielen nicht immer eine zentrale Rolle in den Radikalisierungsprozessen, jedoch wird die kollektive Diskriminierung von muslimischen Menschen als problematisch wahrgenommen, dass die Interviewpartner als Stigma erachten. Die Analyse zeigt, dass soziale Bindungen außerhalb der radikalen Gruppe wichtig sind, um einer Radikalisierung entgegenzuwirken. Die Religiosität und das Bedürfnis nach Zugehörigkeit spielen eine wichtige Rolle, insbesondere bei Jugendlichen, die Desorientierung und fehlende familiäre Bindungen erleben.