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Leben an der Armutsgrenze: Arbeitslose in Österreich

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Großteil der Arbeitslosen ist unfreiwillig arbeitslos

Arbeitslose, die „lieber das Arbeitslosengeld nehmen“1, die es sich in der „sozialen Hängematte bequem gemacht“2 hätten, die nicht gewillt seien, „sich wieder eingliedern zu lassen“3. Der Tonfall gegenüber Arbeitslosen verschärfte sich im Zuge des Wirtschaftsaufschwungs zuletzt deutlich. SORA hat im Auftrag des sozialliberalen Momentum Instituts eine Studie durchgeführt. Dafür wurden 1.844 Menschen im Alter von 15 bis 64 Jahren im Zeitraum Mai bis Juli 2021 befragt. 1.215 Interviewpartner*innen waren zum Befragungszeitpunkt arbeitslos, davon 332 langzeitarbeitslos.

Leben an der Armutsgrenze

Arbeitslose Menschen in Österreich leben in prekären ökonomischen Verhältnissen. Seit sie ihren Job verloren haben, müssen 97 Prozent der Befragten mit unter 1.400 Euro netto im Monat auskommen. Rund neun von zehn Arbeitslosen erhalten nun weniger als 1.200 Euro monatlich. Finanziell besonders hart trifft es daher jene Menschen, die bereits vor ihrer Arbeitslosigkeit weniger verdient hatten: 63 Prozent der befragten Arbeitslosen verdienten im letzten Job weniger als 1.400 Euro netto pro Monat – die meisten, weil sie keinen Vollzeit-Job hatten. Für viele bedeutet das ein Leben an der Armutsgrenze, die für einen Ein-Personen-Haushalt bei 1.328 Euro liegt. Berücksichtigt man die unterschiedlichen Haushaltsformen, leben zwischen 51 Prozent und 66 Prozent aller Arbeitslosen in einem armutsgefährdeten Haushalt.

Knapp die Hälfte kann sich Grundbedürfnisse nicht mehr leisten

Mehr als die Hälfte aller Arbeitslosen (58 Prozent) braucht zusätzlich zum Arbeitslosengeld eigene Ersparnisse auf – sofern vorhanden. Andere sind wiederum auf Gelegenheitsarbeiten angewiesen. Ein Viertel aller Arbeitslosen muss Freunde oder Familienmitglieder um Geld bitten.
Armut im Sinne finanzieller Deprivation liegt unter Arbeitslosen 3,5-mal so hoch wie unter abhängig Beschäftigten, d.h. 47 Prozent könnten sich vier von sieben Grundbedürfnisse nicht mehr leisten. Unerwartete Ausgaben sind für 75 Prozent der befragten Arbeitslosen existenzbedrohend. Vier von zehn Arbeitslosen können sich bei Bedarf keine neue Kleidung kaufen. Zwischen einem Viertel und einem Fünftel aller Arbeitslosen kann es sich nicht leisten, mehrmals die Woche Fleisch, Fisch oder eine entsprechende vegetarische Speise zu essen oder die gesamte Wohnung warm zu halten. 18 Prozent glauben nicht, dass sie die nächsten sechs Monate die Miete bezahlen werden können.

3 von 4 Arbeitslose haben Arbeitslosigkeit nicht gewählt

Arbeitslose sind an ihrer Situation nicht selbst schuld: Von 100 Arbeitslosen wurden nur 4 auf eigenen Wunsch im Zuge einer einvernehmlichen Kündigung arbeitslos. Nur 8 haben selbst gekündigt oder ihre selbständige Tätigkeit aufgegeben. Drei von vier Arbeitslosen wurden gekündigt oder aufgrund betrieblicher Umstände arbeitslos, auf die sie selbst keinerlei Einfluss haben.

Selbstgewählte Arbeitslosigkeit vor allem bei höheren Erwerbsklassen

Arbeitslose, die von sich aus gekündigt haben, sind zumeist beruflich und finanziell bessergestellt. Dies zeigt sich etwa am engen Zusammenhang zwischen den Gründen für die Arbeitslosigkeit und der höchsten Ausbildung: Mehr als 80 Prozent aller Betroffenen mit maximal Lehrabschluss wurden von ihrem Betrieb gekündigt, weniger als 10 Prozent haben von sich aus den Job aufgegeben. Bei arbeitslosen Akademiker*innen hat hingegen mehr als die Hälfte entweder selbst gekündigt oder nennt andere Gründe (etwa dass sie nach Ende ihrer Ausbildung keinen Job gefunden hätten). Diese Unterschiede spiegeln sich auch zwischen den Erwerbsklassen: 42 Prozent aller ehemaligen Beschäftigten in einer Managementposition haben selbst gekündigt, während z.B. 84 Prozent aller Produktionsarbeiter*innen und 88 Prozent aller Dienstleistungsarbeiter*innen von ihrem Betrieb gekündigt wurden.

Sechs Bewerbungen, eine Einladung

Fast alle (95 Prozent) arbeitslosen Menschen suchen aktiv nach Beschäftigung. 83 Prozent aller Arbeitslosen haben sich in den letzten vier Wochen für einen neuen Job beworben, diese verschickten im Schnitt sogar sechs Bewerbungen. Zu Bewerbungsgesprächen eingeladen werden sie durchschnittlich jedoch nur einmal pro Monat. Auf sechs Bewerbungen kommt also nur eine Einladung.

Chancen auf Berufseinstieg sind ungleich verteilt

Signifikant geringer sind die Chancen auf eine Bewerbungseinladung für Frauen, ältere Arbeitslose, Arbeitslose mit maximal Lehrabschluss. Auch die Dauer der Arbeitslosigkeit spielt eine Rolle: Bereits nach sechs Monaten müssen Arbeitslose im Schnitt 14 Bewerbungen versenden, um eine Einladung zu erhalten. Obwohl sich Langzeitarbeitslose genauso häufig bewerben, werden sie noch viel seltener zu Bewerbungsgesprächen eingeladen. Das spiegelt sich auch in ihrer Selbstwahrnehmung wider: 8 von 10 Langzeitarbeitslosen schätzen ihre eigenen Einflussmöglichkeiten darauf, einen neuen Job zu finden, als gering ein.

1 Doris Felber in: Heute, 18.6.2021, online unter: https://www.heute.at/s/felber-90-der-bewerber-wollen-gar-nicht-arbeiten-100147763
2 Mario Pulker in: meinbezirk.at vom 22. Juni 2021, online unter: https://www.meinbezirk.at/niederoesterreich/c-wirtschaft/noe-wirte-chef-soziale-haengematte-ist-bequem_a471601 
3 Mario Pulker in: Der Standard vom 6. Juni 2021, online unter: https://www.derstandard.at/story/2000127183672/gastro-obmann-fordert-verschaerfung-der-zumutbarkeitsregeln-fuer-arbeitslose