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Demokratie unter Druck

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Wie die Verunsicherung in der Arbeitswelt die Legitimität der Demokratie bedroht. Von Martina Zandonella

  • Kurzfassung von: Martina Zandonella (2017): Auswirkungen prekärer Lebens- und Arbeitsbedingungen auf die politische Kultur in Österreich. In: Wirtschaft und Gesellschaft 42/2, S. 253-286.
  • Download Präsentationsfolien (PDF)

Warnsignale der politischen Kultur

SORA beobachtet regelmäßig Institutionenvertrauen, Einstellungen zur Demokratie, Zukunftserwartungen, Xenophobie und politische autoritäre Einstellungen in Österreich. Die Ergebnisse zeigen: Abstiegsängste nehmen ebenso zu wie die Wahrnehmung von Konflikten, und immer mehr Menschen äußern das Gefühl, nicht richtig zur Gesellschaft dazuzugehören oder nicht am gesellschaftlichen Wohlstand teilzuhaben.

  • Dementsprechend pessimistisch blicken viele Menschen in die Zukunft: So gingen 45% der wahlberechtigten ÖsterreicherInnen 2016 davon aus, dass das Leben der jungen Generation schlechter sein wird als ihr eigenes Leben heute ist. (SORA/ISA Wahltagsbefragung)

Zunehmende Verunsicherung der Arbeitswelt

Zu diesen Sorgen und Unsicherheiten wesentlich beigetragen haben die ökonomischen Entwicklungen der vergangenen Jahrzehnte, darunter sinkende Lohnquoten, stagnierende Löhne und – in Österreich seit Mitte der 1990er Jahre – die fortschreitende Prekarisierung von Arbeit:

  • Laut Daten der Statistik Austria waren im Jahr 2015 bereits 33,5% der unselbständig Erwerbstätigen atypisch beschäftigt (d.h. Teilzeit, geringfügig, in Leiharbeit, befristet oder mit freiem Dienstvertrag).

Wie wirken sich diese grundlegenden Veränderungen auf die politische Kultur und das demokratische Zusammenleben aus? Dieser Frage ist Martina Zandonella mittels einer Sekundäranalyse des European Social Survey (ESS) aus dem Jahr 2014 nachgegangen.
Die Ergebnisse in Kürze:

Drei Zonen abnehmender gesellschaftlicherer Sicherheit und Teilhabe

Mit Robert Castel lassen sich drei Zonen der abnehmenden Sicherheit und Teilhabe unterscheiden:

In der „Zone der Integration“ herrschen stabile Beschäftigung, gute finanzielle Absicherung und tragfähige soziale Beziehungen. Ihr können laut Daten des European Social Survey 48% der Personen im erwerbsfähigen Alter zugerechnet werden.

Am Gegenpol dieser Absicherung fallen bereits 14% der ÖsterreicherInnen im erwerbsfähigen Alter in die „Zone der Entkoppelung“, die neben dem Herausfallen aus dem Arbeitsleben auch durch zunehmende soziale Isolation charakterisiert ist. Mehr als die Hälfte der Betroffenen ist zum Zeitpunkt der ESS-Erhebung arbeitslos oder arbeitssuchend, zwei Drittel sind armutsgefährdet und wer ein Arbeitseinkommen hat, kommt damit kaum über die Runden.

Die „Zone der Verwundbarkeit(39% der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter) liegt zwischen den beiden Polen. Atypische Beschäftigung – oder Vollzeitarbeit im Niedriglohnbereich– ist hier die Regel. Dementsprechend stark ist diese Zone von Verunsicherung, entwerteten Qualifikationen, Ungerechtigkeitsempfinden, Abstiegsängsten und Unsicherheiten im Zusammenhang mit prekärer Beschäftigung betroffen – mit deutlichen Auswirkungen auch auf die politische Kultur.

Prekarisierung führt zum Vertrauens- und Legitimitätsverlust der Demokratie

Menschen in der Zone der Verwundbarkeit und in der Zone der Entkoppelung

  • Vertrauen den staatlichen und politischen Institutionen weniger
  • Fühlen sich seltener von PolitikerInnen wahrgenommen und repräsentiert
  • Und bezweifeln ihre Mitsprachemöglichkeiten im politischen Prozess.

Dabei zeigt die statistische Datenanalyse diese Auswirkungen als direkte Folge der Verunsicherung bzw. Exklusion aus gesicherter Erwerbsarbeit und stabilen Beziehungsnetzen.

Besonders ausgeprägt ist die Distanz zum politischen System in der Zone der Entkoppelung. So vertrauen in der Zone der Integration nur 15% dem Parlament kaum, hingegen 24% in der Zone der Verwundbarkeit und 35% in der Zone der Entkoppelung.

Zusammenhänge mit rechtspopulistischen Einstellungen

Sozialpsychologische Forschung verweist darauf, dass zunehmende autoritäre Einstelllungen und ein steigendes Bedürfnis nach Eindeutigkeit Reaktionen auf Unsicherheit sein können. Dabei treten diese Muster relativ unabhängig vom bereits bestehenden Ausmaß an autoritären Einstellungen auf. Der Kontext der arbeitsweltlichen Erfahrungen ist jedoch ähnlich: Sie finden in einer sozialen Umgebung statt, die zunehmend als bedrohlich und/oder konkurrenzgetrieben wahrgenommen wird.

Der Pilotologe Klaus Dörre (2007) verortet im Zusammenhang mit den Zonen der Verwundbarkeit und der Entkoppelung  insbesondere „rebellische“ rechtspopulistische Einstellungsmuster: Hier führen zunehmende Resignation und übergreifende Unkontrollierbarkeit zu einem emotionalen Gemisch aus Enttäuschung und Wut, das in der Ablehnung von „denen da oben“ bzw. „den anderen“ mündet.

„Konservierende“ rechtspopulistische Einstellungen verortet Dörre hingegen v.a. in der Zone der Integration, als Folge von Abstiegsängsten oder -erfahrungen.

Literaturverweise

  • Robert Castel (2009): Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit. Konstanz.
  • Robert Castel / Klaus Dörre (2009): Prekarität, Abstieg, Ausgrenzung. Die soziale Frage am Beginn des 21. Jahrhunderts. Frankfurt.
  • Klaus Dörre (2007): Prekarisierung und Rechtspopulismus – gibt es einen Zusammenhang?. In WisoDiskurs. Expertisen und Dokumentationen zur Wirtschafts- und Sozialpolitik, S.24-34.

Bildquelle: peterwuttke, wiki common, CC BY-SA 3.0