Wie wirken sich Regelungsstrukturen auf die Leistungsstruktur von Schulsystemen aus?

Moser, Winfried / Baierl, Andreas (2019): Schulische Regelungsstrukturen im europäischen Kontext: Versuch einer Systematisierung. In R. Langer / Th. Brüsemeister (Hg.):

Handbuch Educational Governance Theorien, S. 547-572.

Der Artikel zeigt, entlang welcher regelungsstrukturellen Dimensionen sich Bildungssysteme theoretisch klassifizieren lassen und welche dieser Dimensionen empirisch (mit PISA-Daten der Jahre 2000 bis 2015) nachweisbar sind.

Es kann gezeigt werden, dass ein großer Teil der regelungsstrukturellen Varianz europäischer Schulsysteme durch drei Regelungsstruktur-Dimensionen erklärbar ist:

  • (1) das Ausmaß,
  • (2) der Schwerpunkt und
  • (3) die Interaktionsgebundenheit von Schulautonomie.

Ad (1): Das Ausmaß der Schulautonomie wird durch zwei idealtypische Extremfälle umgrenzt, in denen entweder (a) zentrale Bildungsbehörden oder (b) autonome Schulen sowohl organisatorische als auch pädagogische Handlungsfelder dominieren. Diese Dimension erklärt den größten Teil (rund die Hälfte) der unterschiedlichen Regelungsstrukturen in europäischen Schulsystemen.

Ad (2): Wenn schulorganisatorische und pädagogische Belange von unterschiedlichen Akteuren dominiert werden, ergeben sich idealtypisch zwei diametrale Schwerpunkte der Schulautonomie: (a) Im einen Fall arbeiten pädagogisch autonome Lehrende unter strukturellen Rahmenbedingungen, die durch die Schulbehörden gesetzt wurden („heteronome Steuerung“), (b) im zweiten Fall setzen organisatorisch autonome Schulen pädagogische Vorgaben der Bildungsbürokratie um („neue Steuerung“).
Diese zweite Dimension repräsentiert das neoliberale Narrativ des Übergangs von der Input- zur Outputsteuerung durch Autonomie und Accountability. Sie ist empirisch zwar zweifelsfrei identifizierbar, erklärt aber nur einen sehr geringen Teil (2,5 %) der Varianz der Regelungsstrukturen europäischer Schulsysteme.

Ad (3): Wenn die beiden HauptakteurInnen für eine Entscheidungsfindung interagieren müssen, ergibt sich Interaktionsgebundenheit. Diese ist umso stärker, für je mehr Handlungsfelder es geteilte Verfügungsrechte gibt. Die Interaktionsgebundenheit erklärt einen beträchtlichen Teil (rund ein Drittel) der regelungsstrukturellen Varianz.

Dieser Befund überrascht, weil empirische Analysen und politische Diskurse zum Thema Regelungsstrukturen bislang in erster Linie auf das Ausmaß der Schulautonomie sowie auch auf das oben genannte neoliberale Narrativ fokussieren, während die Frage der Interaktionsgebundenheit außen vor bleibt.

Diese Arbeit soll dazu anregen, den Faktor Interaktionsgebundenheit in Zukunft verstärkt empirisch zu bearbeiten. Jedes nationale Schulsystem nimmt in einem durch diese drei Dimensionen aufgespannten Koordinatensystem zu einem gegebenen Zeitpunkt eine bestimmte Position ein. Diese „Governance-Koordinaten“ werden hergeleitet und veröffentlicht. Damit soll eine Basis für internationale oder zeitliche Vergleiche gelegt werden, die sich mit der Frage befassen, wie sich Veränderungen von Regelungsstrukturen auf die Leistungsstruktur von Schulsystemen auswirken.