Bundespräsidentschaftswahl 2016: Stichwahl

Wahlverhalten nach Geschecht

Österreich hat gewählt.
SORA analysierte die Stichwahl vom 22.5.2016 auf Basis der Wählerstromanalysen und der ORF/SORA/ISA Wahltagsbefragung unter 1.222 Wahlberechtigten, die von Donnerstag vor der Wahl bis zum Sonntag befragt wurden (zur Methodik).

Politische Stimmung: Unzufriedenheit mit Politik aber keine dramatische Zukunftsangst

Eine enorme Unzufriedenheit mit der Arbeit der Bundesregierung sowie Enttäuschung und Ärger über die Politik haben den ersten Durchgang dieser Bundespräsidentschaftswahl geprägt.
Demgegenüber ist die Zukunftssicht der ÖsterreicherInnen deutlich weniger pessimistisch:

  • Zwar erwartet nur rund ein Fünftel (21%) für die kommenden Jahre eine Verbesserung der Lebensqualität im Land.
  • Aber auch eine Verschlechterung wird nur von wenig mehr Befragten (27%) erwartet.
  • Die Mehrheit sieht hingegen weder Verbesserung noch Verschlechterung der Lebensqualität.

Dies gilt noch ausgeprägter für die persönliche Lebensqualität: Hier erwarten 59% keine Veränderung, 24% eine Verbesserung und nur 12% eine Verschlechterung in den kommenden fünf Jahren.

55% sehen Stichwahl auch als Richtungswahl

Etwas mehr als die Hälfte der Befraten sehen in der Stichwahl auch eine Richtungswahl für das Land; 37% hingegen sagen, dass es in erster Linie um die Person des Bundespräsidenten geht.

Wahlmotive für Norbert Hofer

Rund 2,2 Millionen Wahlberechtigte haben bei dieser Stichwahl Norbert Hofer ihre Stimme gegeben, aus unterschiedlichen Motiven:

Überdurchschnittlich für Hofer gestimmt haben WählerInnen, die eine Verschlechterung der Lebensqualität in Österreich bzw. für sich persönlich befürchten: Hofer erhielt in diesen Gruppen 67% bzw. 70%.

Stark konnte Hofer auch als Person überzeugen: 68% sagten es war für ihre Wahlentscheidung ein sehr wichtiges Motiv, dass Hofer „die Sorgen von Menschen wie mir“ verstehe; für 67% gab es mit den Ausschlag, dass Hofer „sympathisch“ sei.

Rund ein Drittel (31%) der Hofer-WählerInnen sagt, dass es ihnen weniger um die Unterstützung Hofers als um die Verhinderung des Gegenkandidaten ging.

Wahlmotive für Van der Bellen

Deutlich stärker ist dieses Verhinderungsmotiv unter den WählerInnen von Alexander Van der Bellen: Knapp die Hälfte (48%) sagte, dass es ihnen bei dieser Stichwahl vor allem darum ging, Norbert Hofer als Präsidenten zu verhindern. 61% der Van der Bellen WählerInnen sahen in dieser Frage auch eine Richtungsentscheidung für Österreich.

Überdurchschnittlich wurde Van der Bellen von Personen gewählt, die eine Verbesserung oder ein Gleichbleiben der Lebensqualität in Österreich bzw. für sich persönlich erwarten.

Konkrete Wahlmotive waren insbesondere die Überzeugung, Van der Bellen könne „Österreich im Ausland am besten vertreten“ (66% sehr wichtig für die Wahlentscheidung) sowie die Ansicht, er habe „das richtige Amtsverständnis“ (62%).

Regierungsumbildung brachte Verbesserung der Stimmung

Der erste Wahlgang war von starker Kritik an der Bundesregierung geprägt gewesen.
Die jüngste Regierungsumbildung wird hingegen von 50% der Befragten positiv gesehen. Eine deutliche Aufbruchsstimmung brachte sie unter WählerInnen von Van der Bellen: Rund drei Viertel sehen diese als positiv für die Arbeit der Bundesregierung.
Unter Hofer-WählerInnen überwiegt hingegen die Skepsis: 48% erwarten keine Auswirkungen der Regierungsumbildung und 6% eher negative Folgen; rund ein Drittel (35%) sehen einen positiven Trend.

Ambivalente Erwartungen an das Präsidentenamt

Im Hinblick auf das richtige Amtsverständnis des Präsidenten herrschen unter den Befragten gemischte Gefühle: Jeweils eine knappe Mehrheit stimmt den gegensätzlichen Aussagen zu,

  • der Präsident „muss seine politischen Vorstellungen immer der Mehrheit im Parlament unterordnen“, sowie
  • „Österreich braucht einen starken Präsidenten, der Regierung und Parlament sagt, was sie tun sollen“.

Dabei überzeugt Hofer-WählerInnen deutlich mehr das Bild des „starken Präsidenten“ (77% Zustimmung), doch auch unter WählerInnen von Van der Bellen stimmen diesem 43% zu.

Eine Unterordnung unter die Parlamentsmehrheit wünscht hingegen eine klare Mehrheit von 71% der Van der Bellen-WählerInnen; unter Hofer-WählerInnen stimmten 45% dieser Aussage zu.

Wahlverhalten nach Bevölkerungsgruppen


Die Wählerschaft sowohl Norbert Hofers als auch Alexander Van der Bellens umfasst je über 2 Millionen Wahlberechtigte und daher Personen aus allen Bevölkerungsgruppen.
Von diesen haben 19% (Hofer) bzw. 36% (VdB) überhaupt erstmals für einen Kandidaten der FPÖ bzw. der Grünen gestimmt.

Starker Gender Gap

Wie schon im ersten Wahlgang zeigt sich auch bei der Stichwahl ein starker Gender Gap: Männer stimmten vor allem für Norbert Hofer, er erreichte in dieser Gruppe 60%. Frauen wählten hingegen öfter Alexander Van der Bellen, er erreichte unter ihnen 60%.

Altersunterschiede: Van der Bellen mobilisiert junge Frauen

Alexander Van der Bellen konnte besonders junge WählerInnen ansprechen und erreichte in der Altersgruppe der Bis-29-Jährigen 54%, wobei mit 67% vor allem junge Frauen für ihn stimmten, während bei jungen Männern Norbert Hofer mit 58% vorne liegt.
Sein bestes Ergebnis erreichte Norbert Hofer mit 63% unter Männern im Alter von 30-59 Jahren.

Wahlverhalten nach formaler Bildung

Die Unterscheidung nach formaler Bildung ergibt folgende Unterschiede bei dieser Stichwahl:

  • Unter Personen mit maximal Lehrabschluss liegt Hofer mit 67% deutlich vor Van der Bellen.
  • Personen mit Matura oder weiterem (akademischem) Abschluss wählten mit 76% überdurchschnittlich Van der Bellen.
  • Unter Personen mit maximal Pflichtschulabschluss sowie mit mittlerem Schulabschluss (BMS, Fachschulen) gibt es geringere Unterschiede zwischen beiden Kandidaten.

Wahlverhalten nach Erwerbsgruppen

Ob WählerInnen selbständig oder unselbständig beschäftigt sind oder bereits in Pension, machte bei dieser Stichwahl nur einen geringen Unterschied bezüglich des Wahlverhaltens.
Innerhalb der großen Gruppe der ArbeitnehmerInnen zeigt sich:

  • Hofer hat mit 71% einen starken Vorsprung unter ArbeitnehmerInnen, die eine Verschlechterung der Lebensqualität in Österreich befürchten.
  • Auch Männliche Arbeiternehmer wählten mit 63% überdurchschnittlich Hofer, Arbeitnehmerinnen hingegen überdurchschnittlich Van der Bellen (59%)
  • Kaum erreichen konnte Van der Bellen ArbeiterInnen, er erreichte in dieser Gruppe nur 14% (Hofer 86%)
  • Unter ArbeiternehmerInnen ohne Matura erzielte Hofer 70%, unter jenen mit Matura oder höherer formaler Bildung erreichte Van der Bellen 81%.