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Wahlen, Umfragen und Wahlforschung

Allgemeines

Sieben Thesen für eine kritische Öffentlichkeit

1. Wahlumfragen sollen informieren, nicht vorhersagen:

Wahlumfragen basieren auf telefonischen, persönlichen oder Online-Interviews, die über einen bestimmen Zeitraum geführt werden. Sind sie gut gemacht, können sie – innerhalb von Schwankungsbreiten – über die politische Stimmung in diesem Zeitraum informieren und so die öffentliche Diskussion auf eine objektive Grundlage stellen.
Vergleichbar sind Umfragen daher mit einem aktuellen Wetterbericht, nicht mit einer Wetterprognose. Eine Vorhersagekraft haben sie nur in den seltenen Fällen, in denen die politische Stimmung bis zum Wahltag unverändert bleibt.

2. Die Dynamik und die Zahl der WechselwählerInnen ist stark gestiegen

Jede Wahl ist anders, und in Österreich unterscheidet sich die politische Landschaft regional sehr stark. Für den Durchschnitt dieser Wahlen ist die These einer steigenden Anzahl von WechselwählerInnen richtig:

  • So lag der Pedersen-Index, eine statistische Maßzahl für die WählerInnendynamik, in der Wahlperiode 2010-2012 bei durchschnittlich 13,4. In der folgenden Wahlperiode 2012-2016 kletterte der Index auf 20,0.
  • Auch die SORA-Wählerstromanalysen spiegeln diesen Trend: Die Zahl der konstanten StammwählerInnen hat sich in den vergangenen 30 Jahren nahezu halbiert, und die ParteiwechslerInnen machen mittlerweile rund ein Viertel bis ein Drittel der Stimmen aus.

3. Was gut gemachte Umfragen ausmacht

Bei der Durchführung von Umfragen geht es um Qualität in allen Kettengliedern, von der Stichprobenziehung (echte Zufallsstichproben) über die Organisation des Feldes und die Qualität der Fragebögen bis zur Kompetenz der InterviewerInnen.

Hohe Qualität bringt höhere Kosten, aber auch eine hohe Verlässlichkeit der Ergebnisse. Das belegen insbesondere Längsschnittstudien wie international EU-SILC oder in Österreich der Arbeitsklima Index, der in regelmäßigen Befragungswellen ausgesprochen stabile Messergebnisse und Zeitreihen liefert.

4. Fragen der Gewichtung…

Speziell bei Wahlumfragen spielt für die Auswertung auch die Gewichtung der Daten eine wichtige Rolle, mit der Stichprobenverzerrungen – z.B. aufgrund einer geringeren Teilnahme- oder Auskunftsbereitschaft von WählerInnengruppen – ausgeglichen werden können. Wie diese Gewichtung im Detail wirkt, hat beispielsweise Peter Hajek jüngst in einem ausführlichen Methodenreport für „Heute“ dokumentiert. 

5. … und der transparenten Veröffentlichung

In Österreich hat die Plattform neuwal.com 10 Qualitätskriterien für die Veröffentlichung von Wahlumfragen erarbeitet – etwa die Transparenz der Angaben zu Erhebungszeitraum und Stichprobengröße – und so die Qualität in diesem Bereich wesentlich vorangebracht.

6. Es braucht die vorsichtige Interpretation und kritische Diskussion

Trotz aller Bemühungen um Qualität in Durchführung und Veröffentlichung: Jede Wahlumfrage bleibt mit Unwägbarkeiten versehen, und sei es nur aufgrund der oft noch bis zum Wahltag beträchtlichen Zahl an Unentschlossenen.
Es braucht daher einen medialen Diskurs, den auch die Demoskopen mittragen, und der aus mindestens zwei Perspektiven auf ein Thema schaut. Also nicht „Partei A vorne“, „Partei B vorne“, sondern: Unter welchen Bedingungen kann es die eine, unter welchen die andere schaffen. Orientierende Dialektik, auf deren Basis die WählerInnen sich selbst ein Urteil bilden können.

7. Wahlforschung ist mehr als die Sonntagsfrage

Publizierte Wahlumfragen sind häufig Nebenprodukte anderer Umfragen, bei denen noch eine Sonntagsfrage „angehängt“ wird.

Wahlforschung geht es hingegen vor allem um Zusammenhänge: Welche Faktoren beeinflussen die Wahlbeteiligung? Welchen Einfluss haben Emotionen, Parteien-Images, Argumente und Themen auf die Wahlentscheidung? Oder, aus Sicht der Wahlkämpfenden: Wie können AnhängerInnen mobilisiert, Unentschlossene überzeugt und GegnerInnen demobilisert werden?

Im akademischen Bereich hat die 2009 gestartete Nationale Wahlstudie AUTNES dieses Forschungsfeld maßgeblich vorangebracht.
Für die breite Öffentlichkeit haben die von SORA und ISA im Auftrag des ORF durchgeführten Wahltagsbefragungen den Anspruch, die mediale Diskussion darüber, was die Wahl bewegte und entschied, auf eine solide empirischer Basis zu stellen.

Die methodischen Vorteile der Wahltagsbefragungen:

  • Sie werden jeweils am Wahltag selbst und den drei Tagen davor durchgeführt und können so einen etwaigen last minute swing noch mit erfassen.
  • Und da sie erst am Wahlabend, nach dem Schließen der Wahllokale zu Analysezwecken veröffentlicht werden, ist bereits eine Gewichtung an einer Hochrechnung möglich, wodurch die Daten dem endgültigen Wahlergebnis sehr nahe kommen. (wie die Gewichtung wirkt sehen Sie am Beispiel der Bundespräsidenten-Stichwahl hier)