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Schon 43% für „starken Mann“

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Unsicherheit facht autoritäre Einstellungen an

Gefördert vom Zukunftsfonds der Republik haben SORA und der Verein zur wissenschaftlichen Aufarbeitung von Zeitgeschichte eine Befragung zum NS-Geschichtsbewusstsein und zu autoritären Einstellungen in Österreich durchgeführt. Die Ergebnisse wurden am 20. April 2017 in einer Pressekonferenz präsentiert und zeigen eine signifikante Zunahme von autoritären Einstellungen in den vergangenen zehn Jahren.

NS-Geschichtsbewusstsein: Opfermythos schwindet

72 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges denkt rund die Hälfte der Bevölkerung, dass der Nationalsozialismus Österreich nur oder großteils Schlechtes gebracht hat. Rund ein Drittel sieht sowohl Gutes als auch Schlechtes im Nationalsozialismus.

Ein zentraler Aspekt der historischen Bewertung ist die „Opferthese“. Dass dieser aktuell weniger Menschen zustimmen als noch vor 10 Jahren, zeugt von zunehmendem Geschichtsbewusstsein der ÖsterreicherInnen: So sieht 2017 jede/r Vierte Österreich als erstes Opfer des Nationalsozialismus, 2007 galt dies noch für jede/n Dritte/n.

Acht von zehn stehen hinter der Demokratie

Für 78% ist die Demokratie – trotz der Probleme, die sie mit sich bringen mag – die beste Regierungsform. Obwohl die Demokratie damit eine überwältigende Mehrheit hinter sich hat, hat sie in den vergangenen zehn Jahren leicht an Zustimmung verloren (2007 lag der Wert noch bei 86%). - Die Zustimmung für autoritäre Regierungsformen stieg hingegen leicht an.

Zunehmender Eindruck dass Demokratie nicht richtig funktioniert

Waren 2007 noch 44% der Menschen mit dem Funktionieren der Demokratie in Österreich im Großen und Ganzen zufrieden, gilt dies aktuell nur noch für 32%. Ein Grund hierfür besteht darin, dass auch immer mehr Menschen denken, keinen Einfluss darauf zu haben, was die Regierung macht (aktuell 52% im Vergleich zu 42% im Jahr 2007). Bei Menschen mit geringerer formaler Bildung und bei jüngeren Menschen ist dies besonders häufig anzutreffen.

Gefühle der Unsicherheit und Ohnmacht

Die sinkende Zufriedenheit mit dem Funktionieren der Demokratie hängt auch mit dem seit 2007 angestiegenen Gefühl von Unsicherheit zusammen: Die Frage „alles ist heute so in Unordnung geraten, dass niemand mehr weiß, wo man eigentlich steht“ erhielt 2007 32% Zustimmung, 2017 schon 41%. Dieses Gefühl von Ohnmacht äußern Menschen mit geringerer formaler Bildung und ältere Menschen besonders häufig.

Vier von zehn für „starken Mann“, der Österreich regiert

Das Konzept des (gewählten) „starken Mannes“ an der Spitze Österreichs ist für 43% der Befragten attraktiv. 23% stimmen darüber hinaus der Aussage zu, man „sollte einen starken Führer haben, der sich nicht um ein Parlament und Wahlen kümmern muss.“

In der genaueren Analyse zeigen sich bei rund 10% der Menschen durchgängig autoritäre bzw. antidemokratische Einstellungsmuster.
Der Großteil jener Menschen, die sich einen „starken Mann“ an der Spitze Österreichs vorstellen können, sind jedoch Menschen mit hoher Unsicherheit und Menschen, die mit dem aktuellen Funktionieren der Demokratie in Österreich nicht zufrieden sind. Unter diesen beiden Gruppen befinden sich besonders viele PflichtschulabsolventInnen, ArbeiterInnen und Menschen mit mittleren Einkommen. (mehr zum Thema "Unsicherheit")

Zur Befragung

SORA und der Verein zur wissenschaftlichen Aufarbeitung von Zeitgeschichte haben eine Telefonbefragung unter 1.000 Personen ab 15 Jahren durchgeführt. Die Erhebung fand im Februar und März 2017 statt, die Ergebnisse sind repräsentativ für die österreichische Bevölkerung. Die max. Schwankungsbreite beträgt +/- 3,1%.

Die Telefonbefragung aus dem Jahr 2007 fand ebenfalls unter 1.000 Personen ab 15 Jahren statt. Sie wurde im November und Dezember 2007 durchgeführt, die Ergebnisse waren repräsentativ für die österreichische Bevölkerung. Die max. Schwankungsbreite betrug +/- 3,1%.